Wie aus einer Menstruationstasse ein Aktionsnetzwerk wurde

Dieser Blogpost ist von Jessica. Sie beschreibt das Projekt, über das sie in Kontakt mit Open Source Hardware kam.
Vielen Dank an Jessica!

Es fing alles damit an, dass eine Frau ihre Menstruationstasse verlor, das einzige Fabrikat, das ihr passte, und dann feststellte, dass es nicht mehr hergestellt wird. Sie erzählte einer Freundin davon, die ihr kurzentschlossen anbot, die Menstruationstasse für sie nachzubauen. Als Maschinenbauingenieurin mit Hang zu Open Hardware, das sollte ja zu machen sein. Natürlich kam es anders. Es stellte sich heraus, dass die Aufgabe viel komplexer war, als gedacht.

Also erzählte sie anderen davon und fragte sie um Rat. Bei einem OSEG-Treffen fand eine andere Frau die Idee spannend, auch als eine Gelegenheit, soziales Unternehmertum mit Open Source Hardware zu verbinden. Sie könnten nicht nur das Design entwickeln, sondern auch Wege finden, wie man es dorthin bringt, wo es gebraucht wird. Damit war klar, dass ihre Interessen zusammenpassten, und sie fingen an, gemeinsam an der Idee zu arbeiten. Auch in andere Zusammenhängen kam das Projekt immer wieder zur Sprache und mit der Zeit wurden es fünf Frauen, die gemeinsam daran arbeiten wollten.

Network Mapping Prozess / Prozess der Netzwerkabbildung

Ich wurde die sechste, die einstieg. Ich hatte die Gruppe gefunden, als ich nach einer Fallstudie für meinen Masterabschluss suchte. Als Community Organizer und Studentin der Wirtschaftswissenschaften wollte ich durch Network Mapping herausfinden, wie kollektive soziale Innovationen entstehen. Ich schätze mich glücklich, dadurch Open Source Hardware entdeckt zu haben.

In meiner Untersuchung habe ich sowohl Netzwerk-, als auch narrative Daten über die Gruppe erhoben. Dabei ging ich in drei Phasen vor:

  1. in einem Team Brainstorming wurden die zentralen Projektthemen identifiziert,
  2. in individuellen Interviews mit den beiden Gründungsmitgliedern wurden deren Netzwerke abgebildet,
  3. in einem Präsenzworkshop mit allen Teammitgliedern wurde das gemeinsame Netzwerk erfasst.

Das Mapping, die Abbildung der individuellen Netzwerke, sollte lediglich Menschen und Organisationen beinhalten, aber das Team konnte auch narrative Knoten einbringen. Dafür schrieb jede Person etwas darüber, warum sie bei dem Projekt mitarbeitet, und diese Motivationen wurden zu den grundlegenden Knoten im Netzwerk (gelbe Knoten). Dann diskutierten alle die gegenwärtigen und zukünftigen Ziele für das Projekt und fügten sie in die Darstellung ein (orange Knoten). Anschließend wurden Menschen und Organisationen in das Netzwerk eingetragen (Menschen = grün, Organisationen = blau), wenn sie entweder dasselbe Ziel bzw. dieselbe Intention hatten (gestrichelte blaue Linie) oder wenn sie das Ziel bzw. die Intention würden unterstützen können (gestrichelte grüne Linie).


Weitere Karten sind hier

Zusammengenommen ergab sich aus den Karten eine Visualisierung von Menschen und Organisationen, die für die Menstruationstasseninitiative relevant sind. Außerdem ihre Beziehungen zu den Beweggründen und Motivationen des Teams mit Schritten, die getan werden müssen, um das Projekt voran zu bringen. Es wurde klar, dass die Bereitschaft, an dem Projekt teilzuhaben, mit dem Wunsch zusammenhing, zu Lösungen für selbsterfahrene Herausforderungen beitragen zu wollen. Obwohl diese erlebten Herausforderungen bei jedem Teammitglied andere waren, konnten in dem verknüpften Teamnetzwerk alle gemeinsam gegen die Ursachen angehen, die sie zu dem Projekt gebracht hatten.

Gemeinsames Bewusstsein entwickeln

Es ist schwierig, herauszufinden was möglich ist, wenn man nicht wirklich weiß, wer man ist, was man weiß und wen man kennt, der einem helfen kann. Das als Individuum zu machen ist die eine Sache. Als Kollektiv ist es etwas ganz anderes. Deshalb kann Mapping ein hilfreiches Werkzeug für Gruppen sein, um sich selbst als ein neues Ganzes kennenzulernen, das aus verschiedenen Fähigkeiten, Beziehung und Identitäten besteht, die Türen öffnen können, wenn sie zusammen organisiert werden.

Ingenieure kommen in Kontakt mit lokalen Bedürfnissen und können ihre Spezifikationen und Modularitäten entsprechen anpassen. Wer Communities aufbaut, erfährt von Open Source Ökosystemen und fängt an, sie zu nutzen. Designs, die von verschiedenen Perspektiven beeinflusst sind, werden parallel zu geeigneten Organisationsmodellen entwickelt, was sie nachhaltig dort aufbauen lässt, wo sie gebraucht werden, und nicht nur da, wo sie am meisten Profit erzielen könnten. Diese Überlappung geschieht nur dann, wenn die richtigen Menschen das Projekt finden, den Sinn hinter dem Design verstehen, sich gegenseitig kennenlernen, und einen Weg erkennen, wie sie beitragen können auch wenn das nicht direkt technischer Natur ist.


Das Team bei Snacks nach unserer ersten Dokumenationssession, mit einer gerade gegossenen Menstruationstasse am Tischende.

Im Falle der Menstruationstasseninitiative waren die technischen Fähigkeiten einer Person der Startpunkt für die Gruppe, sich zusammenzutun und in Aktion zu treten. Wir alle hatten schon lange gehofft, zu Themen beizutragen, die uns wichtig sind. Bis jetzt hatte uns aber eine Idee gefehlt, die wir umsetzen könnten, außerdem Menschen mit denen zusammen wir das tun könnten, und das richtige Wissen, die Beziehungen und die Kapazitäten. Die Open Source Struktur gab jeder von uns eine Möglichkeit, damit anzufangen noch bevor wir überhaupt wussten, was Open Source Hardware wirklich bedeutet. Die meisten von uns hatten sich bis dahin mit Kommunikation, Forschung, Community-Entwicklung oder Wissen zu Bereichen mit Bedarfen befasst, aber weniger mit technischem Design.

Inzwischen lernen wir durch den Prozess jedoch etwas über CAD-Dateien, Dokumentationsstandards, Maker Spaces und Repair Cafes. Wir arbeiten auf Codeberg, wechange und mit Pads in Markdown. Dabei haben wir das gesamte Open Source Hardware Ökosystem, das solche Projekte wie dieses sehr viel wahrscheinlicher gemacht hat, besser kennengelernt.

Was wir bereits haben

In der Abbildung des Netzwerks kann man sehr deutlich die zentrale Rolle erkennen, die OSEG einnimmt. Das zeigt auch, wie Austausch und Community zwischen Projekten den Unterschied machen können, ob eine Idee möglich erscheint oder nicht. Der OSEG Organisationsknoten ist der bestvernetzte, aber die Individuen darum herum sind auch sehr eng miteinander verbunden. In Zeiten, in denen Versuche, zu Veränderungen beizutragen, aussichtlos erscheinen, kann das Bewusstsein, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich laufend gegenseitig unterstützt und mit dem experimentiert, was möglich sein könnte, den Unterschied machen.

Bei Interesse an Network Mapping: Ich habe versucht, einen modularen Prozess zu entwickeln in der Hoffnung, dass er auch für andere Projekte angepasst werden kann. Mehr dazu im Repository, bei Fragen gerne an mich wenden!

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